Der ADC Kongress 2018. Hungrig in Hamburg

Geschrieben von Elena Tree veröffentlich am in der Kategorie Design
Moin Moin, Hamburg! Mittwochmorgen auf dem ADC Kongress 2018 in der „hippen“ Location Kampnagel.

Für alle­­­, die den ADC nicht kennen:

Im Art Directors Club für Deutschland (ADC) e. V. haben sich über 700 führende Köpfe der kreativen Kommunikation zusammengeschlossen. Clubmitglieder sind renommierte Designer, Journalisten, Architekten, Szenographen, Fotografen, Illustratoren, Regisseure, Komponisten, Produzenten, Spezialisten für digitale Medien und Werber. Der ADC sieht sich als Maßstab der kreativen Exzellenz und zeichnet herausragende Kommunikation aus. Dazu veranstaltet er Wettbewerbe, Kongresse, Seminare, Vorträge, Events, B2B-Veranstaltungen und gibt diverse Publikationen heraus.

(Quelle: http://www.adc.de/2018/04/11/alle-veranstaltungen-zur-adc-festivalwoche-2018-und-ein-filmischer-vorgeschmack/)

Der Kongress wirbt mit dem Titel „Füttere deine Kreativität!“ Ich bin hungrig und freue mich auf zwei tolle Tage mit kreativen Köpfen, spannenden Vorträgen und netten Begegnungen.Nach ein paar kostenlosen Snacks wie Kaffee, Obst, leckeren Smoothies und fancy Popcorn, die allen Teilnehmern rund um die Uhr zur Verfügung stehen, kann es losgehen.


Marketing in einem Saftladen

Als erster Redner läutete Nicolas Lecloux, CMO und Co-Founder von true fruits, mit dem Vortrag „Marketing in einem Saftladen“ den Kongress ein. Das Unternehmen true fruits nutzt seine Popularität, um mit polarisierenden Kampagnenideen und manchmal auch beleidigenden Sprüchen z.B. auf politische Missstände aufmerksam zu machen. Die viel diskutierte Plakatkampagne während der Wahlperiode in Österreich „Bei uns kannst du kein Braun wählen!“ ist nur ein Beispiel dafür. Ihr Image soll ehrlich sein, so kann es auch einmal passieren, dass die Twitter-Kommentare etwas derber ausfallen. Von mir alle Daumen hoch. Die in Bonn ansässige Firma mit 28 Mitarbeitern war letztes Jahr für einen zweistelligen Millionenumsatz verantwortlich. Sie sind keine Öko-Gesundheitsapostel und vertreten die Meinung „Wenn du einen Apfel essen kannst, dann iss lieber einen Apfel.“ Sie verzichten fast absichtlich auf weichgespülte Imagekampagnen und glauben an das Prinzip der Mund-zu-Mund-Propaganda. Dass true fruits Dinge gerne anders macht, zeigt ihr selbst entworfener Award: http://eierausstahl.com/, mit dem sie gute und mutige Ideen aller Art prämieren.


Creativity is the new currency!

Eva Wimmers, President Europe Huawei HONOR / VP HONOR Global, berichtete in ihrem Vortrag „Creativity is the new currency!“ über die Veränderungen in der Kundschaft und den Mitarbeitern durch die Generation der Millennials. Die Millennials sind die erste Generation, für die der Umgang mit den digitalen Medien natürlich ist. Für sie ist die digitale Mitbestimmung und die Feedbackkultur selbstverständlich und elementar, aus Kundensicht sowie aus Sicht der Mitarbeiter. Eva Wimmers ist der festen Überzeugung, dass Kunden und Mitarbeiter sich auf Augenhöhe begegnen und möglichst gleich alt sein sollten, damit die Kommunikation und der Austausch funktionieren. Dann sprechen sie die gleiche Sprache und „verstehen“ sich. Starre Werbesysteme funktionieren für Eva Wimmers nicht mehr. In ihrem Team werden Ideen durch demokratische Abstimmungen verabschiedet. Wenn 50% des Teams für eine Idee sind, wird sie umgesetzt und getestet. Eva Wimmers versteht ihre Kunden und ihr Team als eine gemeinschaftliche Community, die sogenannte HONOR-Community.


Exponential change & disruptive innovation

Pascal Finette – VP, Startup Solutions Group / Singularity University – sorgte mit seinem Vortrag „Exponential change & disruptive innovation“ für Unbehagen in mir. Anhand des Beispiels der DNA-Künstlerin Dewey Hagborg wollte er verdeutlichen, dass die DNA-Forschung bereits in der Wissenschaft und damit potenziell auch in der Werbung angekommen ist. Die Künstlerin sammelte in New York Zigarettenstummel auf und konnte durch eine DNA-Analyse die Gesichter der Personen exakt rekonstruieren. (Künstlerin: http://deweyhagborg.com) Durch die von uns tägliche freiwillige Abgabe der DNA, z.B. auf Kaffeebechern, Zigarettenstummeln, Gabeln, etc. könnten durch die Aufschlüsselung der DNA völlig neue Ankerpunkte für den Kunden gesetzt werden. Dadurch wiederum können Produkte, z.B. als Vorsorgemaßnahme, gezielt an Kunden verkauft werden.


Die Kunst des Unmöglichen

Der Starpianist Joja Wendt sorgte mit seiner Live-Performance „Die Kunst des Unmöglichen“ an einem von ihm selbst präparierten Flügel für Erstaunen im Publikum. Seine eigens für das Musikfestival Wacken abgeänderte klassische Interpretation eines Heavy-Metal-Liedes inspirierte die Zuschauer. Er selbst behauptet, Klavier spielen mache intelligent.


The future of work(ers)

Shem Magnezi – Senior Engineer, WeWork, – wurde bekannt durch seinen wütenden Post „Fuck You Startup World“. Unter dem Vortragstitel „The future of work(ers)“ berichtete er über seine Erfahrungen in einem Startup-Unternehmen und einer Agentur. Nach dem Studium hat er seine Karriere in einem Start-up Unternehmen begonnen. Ihm habe die Atmosphäre, der Zusammenhalt und die Herausforderung gefallen, in bestimmen Situationen über sich hinauszuwachsen und dadurch zu lernen. Auch wenn man nur gerade so viel Geld verdient, dass es zum Überleben reichte, war er sehr glücklich. Nach einigen Jahren dann fing er an, in einer Agentur zu arbeiten. Dort fehlte ihm nach einiger Zeit allerdings der Anspruch, die Selbstverwirklichung und das selbstverantwortete Planen der Arbeitszeiten. Als Tipp für Agenturen nennt er die Betreuung von jungen Talenten durch Mentoren. Außerdem, so Magnezi, fördere mehr unternehmerische Transparenz von den Verantwortlichen in Führungspositionen, z.B. in Bezug auf Ziele und Strategien des Unternehmens, die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Arbeitsplatz. Wenn man versteht wofür man arbeitet, weiß man wofür man kämpft, so seine These.


Make it bigger… getting old in a digital agency

Ich bin großer Hello Monday Fan. Diese Agentur hat eine wunderschöne Webpräzens, sehr verspielt und voller Kreativität. Ihre Standorte sind in Aarhus, Kopenhagen und New York. Jeppe Aaen ist Grafikdesigner und seine Präsentation auf dem ADC Kongress bestand aus einer illustrierten Bildergeschichte über den Werdegang der Agentur. Für den Erfolg der Firma nennt er Teamgeist, die Förderung des eigenen Kreativitäts-Stils und nicht zuletzt Spaß. Nicht jeder Kunde würde zu der Firma passen, aber das wäre auch nicht schlimm. Wenn Kunde und Agentur dieselbe Auffassung von Stil und Kreativität haben, ist dies doch die produktivste Form von Zusammenarbeit. Word!


Moving from passive observation to active immersion

„Moving from passive observation to active immersion“ lautet der Titel von Simon Goslings Vortrag – Futurist & Trendspotter bei Unruly. In mehreren Beispielen zeigte er die Bedeutung neuer Medien und Umgangsformen mit Artificial Intelligence (AI). Einfache Dinge, wie eine sprachgesteuerte Zugauskunft, können der Grundstein sein für die emotionale Bindung an AIs. So zeigte er z.B. Chats, in denen ein Mann - in dem Wissen, dass er mit einem AI chattete - seine Ansprache sehr emotional wählte, z.B. wünschte er dem AI einen schönen Tag. Ein anderes Beispiel zeigt ebenfalls die immer größer werdende Bedeutung von neuen Medien mit Artificial Intelligence. So bietet Ikea eine Einrichtungs-App an, mit dem man sein Zimmer scannt und die Wirkung seiner neuen Möbel testen kann. All diese neuen Kommunikationskanäle beschreiben und verdeutlichen den regulären und immer selbstverständlicheren Umgang mit AIs.


The Business Romantic

Tim Leberecht ist Autor und Gründer von „The Business Romantic“. Er beschrieb in seinem Vortrag die Veränderung der Skill Matrix bei Mitarbeitern durch die Einführung von AIs. Skills wie kritisches Denken, Kreativität und emotionale Intelligenz werden auf die oberen Plätze der Einstellungskriterien rücken. Diese Eigenschaften werden in Zukunft die einzigen sein, die nicht durch künstliche Intelligenz ersetzt werden können und somit immer weiter an Bedeutung gewinnen.


The unskippable future of advertising

Billy Corbyn – Creative Director, Unskippable Labs, Google beschreibt in „The unskippable future of advertising“ den neuen Weg von Kreativität und Effizienz, die Hand in Hand gehen können, wenn man sie bewusst anwendet. Daten und Kreativität stehen nicht im Kontrast zueinander, sondern können präzise in der Werbung genutzt werden und sich positiv ergänzen. Der Kunde ist ungeduldiger als damals und schätzt, wenn Daten/Werbeangebote auf ihn abgestimmt sind. Seine These: Online-Formate müssen personalisierter und relevanter werden, um Kunden begeistern zu können.


Lessons from a punk rock show

Burkhard Müller – ECD, deeblue networks. In seinem Vortrag mit dem Titel: „Lessons from a punk rock show“ zeigt er, dass die Grundprinzipien einer Punkkommune in einem Kreativteam durchaus hilfreich sein können. Müller startete seinen kreativen Werdegang in der Fotografie, machte u.a. Fotos von Punkshows und Konzerten. Nun ist er in einer Werbeagentur in einer führenden Rolle tätig und freute sich, als er vor ein paar Jahren seinen ersten Praktikanten bekam. Dieser war allerdings so unmotiviert und ohne Ideen, das Burkhard vollkommen an ihm verzweifelte. Müller hatte den Spirit der Punk-Attitude - „Jeder ist für jeden da“ - offenbar nicht in seinen Job retten können. Er lernte mit der Zeit, dass die Frage „Womit kannst du uns besser machen?“ die potenziellen neuen motivierten Mitarbeiter von den unmotivierten trennen kann.


Meet Graham

Hier in Kürze: Im Auftrag von Clemenger BBDO baute eine Künstlerin eine Puppe, um zu zeigen, wie der menschliche Körper beschaffen sein muss, um einen Autounfall überleben zu können. Diese Puppe wirkt sehr real, aber die Proportionen erscheinen Alien-ähnlich. Dies wurde absichtlich so gestaltet, damit das Thema „Anschnallen“ und „Verkehrssicherheit“ in den Vordergrund rücken. Eine Puppe eben, um den Austausch über ein Thema zu fördern. Zugänglich, menschlich, abstrakt.

http://www.meetgraham.com.au/


#SayYesToTheWorld: Lufthansa brand new. Von einer taktischen Kampagnenidee zum neuen Claim.

Von Alexander Schlaubitz – Vice President Marketing, Lufthansa. Von diesem Relaunch haben bestimmt alle gelesen. Wieviel muss das gekostet haben? Und hatte das die Firma wirklich nötig? Der gesamte Vortrag glich irgendwie einer Abhandlung, nicht emotional genug. Ja alles verständlich, aber irgendwie auch unberechtigt. Hätte vielleicht ein Regelwerk über den korrekten Gebrauch der Marke nicht gereicht?


Creative curiosity

Der erste Vortrag an diesem Tag ist von Andre Keller– Global Creative Director, Facebook mit dem Titel „Creative curiosity“. Genau wie im agile Engineering werden in der Kreativabteilung von Facebook Prozesse nur noch agil umgesetzt. Das heißt: scribbeln, bauen, testen und viele A-B Tests, um ein gelungenes Produkt zu erzielen. Er ist der Überzeugung, dass man dadurch den Kunden besser überzeugen kann, als durch die klassischen Storyboards. Scribbeln, umsetzten, testen, weiterentwickeln und vor allen Dingen lernen. Aus seiner Erfahrung kann man dadurch Kunden besser von einer Idee überzeugen, weil man bereits eine Emotion transportiert. Also: weg vom starren Wasserfall hin zu agilen Prozessen, auch im Design.

 

Innovation ecosystems – Where the knowledge of the many creates one innovative idea

Aufbauend zum gleichen Thema, agile Designprozesse, berichtet Catharina van Delden – Co-Founder von innosabi in ihrem Vortrag „Innovation ecosystems – Where the knowledge of the many creates one innovative idea“ über das agile Manifest auch im Designprozess. Anhand von drei Beispiel zeigt sie, wie sich der Design Prozess, durch immer wieder neuen Input der Kunden, stetig verändert und man somit besser die Kundenwünsche erfüllt - und damit den Wert und die Bindung an den Kunden einer Marke steigert. Die Ideen und das Feedback der Mitarbeiter werden z.B. durch Mitarbeiter Portale, gehört, priorisiert und abgestimmt. Die Mitarbeit durch Kunden und Mitarbeiter erfolgt fast automatisch und wird dankend angenommen und genutzt.

 

Wie kommt man auf verrückte Ideen, ohne verrückt zu werden? Pflegeanleitung für Hirn, Herz und Humor

TV Prominenz: Dr. Eckart von Hirschhausen – Deutschlands kreativster Arzt und Humorexperte berichtet in seinem Vortrag „Wie kommt man auf verrückte Ideen, ohne verrückt zu werden? Pflegeanleitung für Hirn, Herz und Humor“, wie sich der Umgang zwischen Menschen durch die digitalen Medien verändert hat. Ein schöner Vortrag über Menschlichkeit, Depressionen, wie glücklich Helfen machen kann und wie viel man lernt, wenn man wieder direkt mit den Menschen kommuniziert, ohne Smartphone.


Making future places

In dem Vortrag von Stuart Wood – Group Leader, Heatherwick Studio London „Making future places „zeigt er die Verbindung von Kommunikation und Architektur. Beeindruckend, wunderschön und über die Grenzen von Architektur schreitend. Bitte die Internetseite studieren, genießen und inspiriert sein.

http://www.heatherwick.com/


Close

Martin Schoeller, Star-Fotograf aus New York, ehemals Kölner. In seiner Präsentation „Close“ zeigte er neben Bildern der Star-Close-Up-Serien, mit denen er bekannt geworden ist, originelle Starportraits, z.B. den im Oval Office Golf spielenden ehemaligen US Präsident Bill Clinton.

Bitte seine Seite besuchen: https://martinschoeller.com/


Neue Bilder

In seinem Vortrag „Neue Bilder“ berichtete Christoph Niemann, Illustrator, Autor und ADC Ehrenmitglied 2017, über die typischen Selbstzweifel eines kreativen Freelancers im täglichen Auftragswahnsinn. Sein Tipp um kreativ zu bleiben: sich immer wieder selbst Aufgaben stellen, wie z.B. jeden Tag eine Skizze anfertigen. Besonders beeindruckt war ich von den kreativen Magazincovern für den New Yorker. Unbedingt seine Seite besuchen und sich amüsieren: http://www.christophniemann.com/


Fazit

Wer Lust hat auf neuen frischen Input aus den vielen unterschiedlichen kreativen Bereichen sollte den ADC Kongress 2019 definitiv besuchen. Ich bin jetzt erst einmal satt/gesättigt, aber ganz sicher nicht lang.

Impressionen vom ADC Kongress 2018

// ToDo: get molecules pictures // ToDo: get molecules pictures // ToDo: get molecules pictures // ToDo: get molecules pictures // ToDo: get molecules pictures // ToDo: get molecules pictures // ToDo: get molecules pictures // ToDo: get molecules pictures // ToDo: get molecules pictures // ToDo: get molecules pictures