Agile Ruhr Day 2018 – der netzkern Scrum Master Ausflug

Geschrieben von Toyah Carina Fischedick veröffentlich am in der Kategorie Agiles Arbeiten
Nachdem wir im letzten Jahr das Agile Ruhr Camp besucht haben, haben wir dieses Jahr den kleinen Bruder, den Agile Ruhr Day, im Unperfekthaus in Essen besucht. Unsere Einschätzung: ähnliche Herausforderungen bei der agilen Transformation und insgesamt sind wir bereits auf einem sehr guten Weg!

Die Erwartungen der Veranstalter wurden, mit bald doppelt so vielen Besuchern wie erwartet, deutlich übertroffen. Die Gruppe war bunt gemischt: Viel Erfahrung, wenig Erfahrung. Unternehmen, Agenturen, Coaches. Einzelne und Gruppen.

Das Format des Bar Camps blieb auch diesmal erhalten. Die Themen waren breit gefächert – Agile Transformation, Arbeit der Zukunft anhand verschiedener Modelle, ein paar der typischen Herausforderungen in unser aller Alltag (Backlog, Build Pipelines, Remote-Arbeit, etc.) und dieses Jahr mein persönlicher Schwerpunkt: individuelle Bedürfnisse und menschliches Verhalten.

 

Meine Erwartungen im Vergleich

Mein Besuch im letzten Jahr hatte für mich neben den Basics von Scrum das Ziel herauszufinden, wie andere mit der Transformation umgehen und vor allem damit beginnen. Gibt es eine Best Practice? Wie fängt man an? Welche Stolperfallen sollte man vermeiden?

In diesem Jahr war klar – Best Practice gibt es nicht. Jeder Anfang fällt schwer und stolpern kann man kaum vermeiden. Das Wichtigste dabei ist aber, dass wir weder unseren Mut noch unsere Geduld verlieren.

Deswegen habe ich mich dieses Jahr vor allem dafür interessiert was in jedem Einzelnen vorgeht. Wie vermeidet man mögliche Ängste, Sorgen und Unsicherheiten? Wie kann man auf die Kollegen eingehen? Was braucht der Einzelne?

 

New Work

Durch reinen Zufall sollte ich den Bühnensaal also an diesem Tag betreten und nur für Frischluft und Essenspausen wieder verlassen – immerhin keine Wanderungen Treppe rauf und runter durch das Haus.

Es begann mit einer Einführung in das Modell New Work von Frithjof Bergmann und der „Arbeit, die man wirklich, wirklich will“. Dabei ging es um die Unterscheidung zwischen Job und Beruf(ung) und einem Ansatz zur Selbstversorgung unter der Prämisse von Teilzeitarbeit. Das Modell bezieht sich auf die Loslösung von Konsum und die Selbstverwirklichung des Einzelnen. Übergreifend soll das Modell auch für mehr Arbeitsplätze sorgen.

Ich persönlich hatte so meine Zweifel in Bezug auf den Konsumverzicht und den Verzicht auf Gehalt durch die Teilzeitarbeit und schien damit nicht die Einzige zu sein. Somit war das Modell für mich eher utopisch und wenig zeitgemäß.

 

Agil und Psychologie

Als nächstes sollten uns psychologische Modelle aufklären, warum Selbstorganisation und ein Agiles Mindset scheitere. Wie in der Entwicklungspsychologie nach Jean Piaget bietet Jane Loevinger mit ihrer Ich-Entwicklung einen Ansatz dafür, dass einem selbstreflektierten und -organisierten Ansatz eine entsprechende Entwicklungsstufe des Menschen vorausgehen muss.

Demnach ist es schwierig von einem Menschen, der sich gemäß seiner Phase nur auf sich, die Gruppe oder Normen und Regeln konzentriert, ein agiles Denken zu erwarten. Entsprechend muss der Mensch soweit sein ein eigenes Denken entwickelt zu haben und die Individualität anderer zu respektieren. Noch weitreichender sollte man in der Lage sein, sich auch von den eigenen Sichtweisen zu lösen und diese zu reflektieren.

Die Entwicklung geht noch weiter, jedoch würden diese Stufen bereits ausreichen, um überhaupt die Voraussetzungen einer agilen Arbeitsweise zu erfüllen. In einem Team ist es durchaus möglich, dass sich die Entwicklungsphase, sowohl im Positiven als auch im Negativen, durch die Gruppendynamik angleicht. Die gute Nachricht – das Individuum kann nicht nur durch Krisen, sondern auch durch Willen die Weiterentwicklung antreten.

 

Agile Ruhr Day 2018 - Agiles Arbeiten und Organisation

 

Bedürfnisse im Business

Darauf aufbauend haben wir uns im nächsten Vortrag mit den Grundbedürfnissen nach Grawe beschäftigt: Bindung, Orientierung und Selbstwert. In Bezug auf unsere tägliche Arbeit: die wichtigen Aspekte der Zugehörigkeit, Beteiligung und Zielsetzung sowie Wertschätzung und Respekt. Dabei orientieren wir uns natürlich in erster Linie an unserem Vorgesetzten, aber auch unser Team spielt dabei eine Rolle. Daraus ergeben sich die Aspekte, die auch für uns aktuell die Basis bilden: Offenheit und Transparenz, Wertschätzung und individuelle Betrachtung der Kollegen, Vertrauen statt Kontrolle und die Mitwirkungsmöglichkeit jedes Einzelnen. Scheint, als wären wir auf einem guten Weg.

 

Agile Ruhr Day 2018 - Motivation

 

Qualität = Gesundheit = Employer Branding

Auch im nächsten Teil ging es um die Bedürfnisse. Was braucht ein Web-Entwickler? Qualität und Wohlbefinden haben hier eine enorme Wechselwirkung. Neben entsprechenden Standards in Bezug auf Code-Guidelines, Build-Prozessen und Automatismen, ist ein gutes Miteinander zwischen Developer und Projektmanager/Product Owner wichtig. Das gemeinsame Ziel kennen, einander zuhören, wertschätzen und vertrauen. Auch unter den Entwicklern, weil nur so hat man nicht das Gefühl alles alleine stemmen zu müssen. Das heißt, dass auch ein Azubi Deployments anstoßen darf oder Meinungen hat, die wichtig sein können. Nur dadurch kann jeder einen Teil der Verantwortung übernehmen und sie verteilt sich auf die verschiedenen Schultern. Darüber hinaus dürfen Spaß und Wertschätzung nicht zu kurz kommen (schon wieder dieses Wort ;)).

Wir versuchen dem mit Hilfe unserer festen Teams bei netzkern gerecht zu werden. Das gemeinsame Miteinander, die gemeinsamen Regeln und die gemeinsame Verantwortung dienen als Basis.

 

Agil und Karriere

Auch im eigenen Namen haben wir uns einen Slot genommen, um über das Thema Karriere im agilen Umfeld zu sprechen. Was uns dabei antreibt ist die Frage nach der Notwendigkeit von Titeln. Die Einigkeit darüber, dass diese durchaus wichtig für Kunden sein können, haben wir schnell erzielt. Durch eine fehlende mittlere Führungsebene gibt es aber auch keine Hierarchie mehr. Die Frage, die sich letztendlich stellt ist die Frage, welche Bedürfnisse durch Titel erfüllt werden und ob man Alternativen hat.

Es ist vollkommen normal, dass man sich über seinen Titel definiert, da er die Antwort auf die Frage gibt „Was bin ich?“ Titel geben auch einen Weg vor und zeigen uns damit einen Plan auf. Die Abschaffung von Titeln ist vor allem für Einzelne ein schmerzhaftes Thema. Aber sagen Titel wirklich etwas über unser Wissen aus? Können wir nicht auch ohne Titel den Kollegen zeigen, dass ihre Meinung und ihr Wissen von großem Wert sind?

Möglichkeiten wie Peer Recruiting, Abwechslung durch unterschiedliche Rollen und Projekte sowie Entscheidungsfreiheiten innerhalb der Teams sind genannte Optionen, über die wir auch schon intern nachgedacht haben. Dienen Titel allein der Wertschätzung oder sind sie auch ein Statussymbol, das als Abgrenzung zu anderen im Team oder außerhalb dient? Will man und braucht man als Unternehmen Titel für die Außenwirkung? Was passiert dabei mit der Innenwirkung?

Uns ist bereits klar, dass wir individuell auf jeden eingehen müssen, aber irgendeine Form von Einheitlichkeit wird es sicherlich geben müssen. Was dabei mit den Titeln passiert, bleibt für netzkern abzuwarten. Unterstützend zum Peer Feedback und den Alltagsgesprächen untereinander wurde auch der Vorschlag zu Entwicklungsgesprächen unterbreitet, welchen wir für uns im Hinterkopf behalten haben. Der Entwicklungsaspekt kommt im Peer Feedback oft zu kurz. Die Herausforderung besteht darin auf den Einzelnen einzugehen, aber ihn im Gefüge des Teams zu sehen.

Beruhigend ist, dass sich andere ebenfalls mit diesen Fragen auseinandergesetzt haben und die gleichen Risiken getragen haben und Überlegungen angestellt haben. Letztendlich bewegt man sich dabei grundsätzlich in dieselbe Richtung. Ein „Richtig“ für alle wird es vermutlich auf Anhieb nicht geben.

 

Der Ausklang

Nach dem für uns wichtigen Thema wollten wir den Input der anderen natürlich noch evaluieren. Zurückgezogen in eine gemütliche Sofaecke haben wir den Tag Revue passieren lassen. Die Gedanken, Überlegungen und vor allem auch unsere Wahrnehmung zum Thema Karriere wird sich vermutlich in unserer täglichen Arbeit bei netzkern widerspiegeln und auch Teil von Diskussionen werden.

Wir haben uns natürlich auch zu den verschiedenen anderen Vorträgen ausgetauscht, um einen Gesamtüberblick zu bekommen.

Der grundsätzliche Eindruck, den wir bekommen haben: Wir haben ähnliche Herausforderungen und gehen gleichzeitig einen vielversprechend richtigen Weg.

Es heißt weiter mutig bleiben und geduldig sein!