Kernkraft

Was sie sicher noch nicht über ihr Intranet wussten – Usability ist gesetzlich vorgeschrieben

Geschrieben von Bastian Ehl veröffentlich am in der Kategorie UX
Barrierearmut Intranet

Intranet-Lösungen folgen in vielen Unternehmen in ihrer Gestaltung dem Erscheinungsbild (Corporate Design) des Hauses. Oft sind diese Erscheinungsbilder allerdings noch primär auf die Nutzung für Print-Produkte ausgelegt und tragen selten den Anforderungen digitaler Medien Rechnung.

Das führt zu einer geringen User Experience (UX) und Usability, weil zum Beispiel Kontraste nicht für die Bildschirmdarstellung optimiert sind. Das erschwert dem Nutzer die Bedienung und damit die Erledigung seiner Aufgaben.

Das führt zu zwei Problemen:

  • Es bildet sich das klassische parallele Excel-Universum. Mitarbeiter lagern Prozesse und Dokumentation in externe Tools aus.
  • Mitarbeiter benötigen aufgrund eines schlechten User Interfaces länger für die Erledigung ihrer Aufgaben. Insbesondere bei größeren Organisationen potenziert sich somit der Verlust an produktiver Arbeitszeit

Software-Ergonomie ist gesetzlich vorgeschrieben

Fast unbemerkt von vielen Unternehmen hat der Gesetzgeber bereits vor Jahren die Arbeitsstättenverordnung erweitert und die Software-Ergonomie als verbindliche Regelung aufgenommen. Somit ist nicht nur wie bisher die Beschaffenheit des Bildschirmarbeitsplatzes an sich geregelt, sondern auch die Anforderungen an die eingesetzte Software.

Vorschriften und Normen:

  • ArbStättV – Arbeitsstättenverordnung, insb. §6.4
  • DIN EN ISO 9241/110 – Ergonomie der Mensch-System-Interaktion
  • DIN EN ISO 1450 – Leserlichkeit
  • BITV 2.0 – Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung

Ein sauber gestaltetes und durchdachtes User Interface und eine sich daraus ergebene gute Usability sind kein nice-to-have mehr, sondern gesetzliche Anforderung für sämtliche im Arbeitskontext eingesetzte Software. Unabhängig davon, dass gute User Interfaces mit entsprechend aufbereiteten Prozessen deutliche Kosteneinsparungen ermöglichen und allein schon die betriebswirtschaftliche Vernunft eine Investition in diesem Bereich bedingen sollte.

Durch die Verankerung in der Arbeitsstättenverordnung ist eine gute Software-Ergonomie nicht nur vorgeschrieben, sondern eben auch vor dem Arbeitsgericht einklagbar, bzw. kann Teil einer Betriebsprüfung sein.

Die üblichen Verdächtigen

Die häufigsten Probleme bei User Interfaces sind Erscheinungsbilder, die nicht digital-tauglich sind. Somit werden digitale Lösungen eher in das Korsett der Print-Welt gequetscht als das bestehende Erscheinungsbild um (taugliche) digitale Definitionen zu erweitern. Leider haben die meisten Werbe-Agenturen, also die typischen Lieferanten von Erscheinungsbildern, nicht genug Digitalkompetenz, um den zugegeben großen Spagat zwischen den verschiedenen Anforderungen an Print und Digital zu meistern. Hier empfiehlt sich eine Kooperation von Werbe- und Digitalagentur bereits in der Entstehungsphase.

In der Praxis stoßen wir meist auf drei Hauptprobleme:

  • Schriften
  • Kontraste
  • Konsistenz

Eine Hausschrift zu finden, die sowohl gedruckt als auch auf einem Bildschirm gut zu lesen und visuell attraktiv ist, ist heute keine große Herausforderung mehr. Probleme ergeben sich hier eher im Zuge der Einhaltung der DIN 1450, da aktuell nur eine Handvoll Schriftarten dafür zertifiziert ist. Die Zahl wächst aber stetig.

Zum anderen wird bei Gestaltung von digitalen Lösungen oft eine zu kleine Schriftgröße gewählt. Die optimale Größe richtet sich nach Betrachtungsabstand, dem Sehvermögen des Betrachters und der verwendeten Schriftart. So ergibt sich, sehr vereinfacht dargestellt, bei einem typischen Desktop-Monitor, einem Betrachtungsabstand von 70cm und einem Sehvermögen von 70% (dem Standardwert aus der DIN 1450) eine Mindestgröße von 16px.

 

Betrachtungsabstand Nutzer zu Bildschirm

 

Nicht zu unterschätzen ist die Wirkung von unterschiedlichen Kontrasten. Unterscheiden sich Hintergrund und Text nicht stark genug voneinander, muss der Nutzer deutlich mehr Aufmerksamkeit in das Entziffern des Textes investieren. Kapazität, die bei der eigentlichen Aufgabenerledigung fehlt, bzw. ihn schneller ermüden lässt. An dieser Stelle scheitern erfahrungsgemäß die meisten Erscheinungsbilder, erreichen die definierten Farben in der Regel untereinander kein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5:1.

 

Kontrast optimal und zu gering

 

Meist historisch gewachsen ist Inkonsistenz in User Interfaces. Üblicherweise wird eine Farbe und Formatierung für die Auszeichnung von Interaktionen verwendet. Das bedeutet, dass grundsätzlich alle klickbaren Elemente wie Schaltflächen, Links, etc. einer Farbgebung und Formatierung folgen. Der Nutzer „lernt“ diese Farb- und Formgebung und kann sich damit deutlich intuitiver innerhalb der Applikation orientieren.

Handlungsfelder aufdecken – Probleme lösen

Um die grundsätzliche Qualität und Norm-Erfüllung von User Interfaces zu beurteilen, wird in der Regel ein sog. Expert-Review (auch als UX-Review, Experten-Analyse oder Heuristische Evaluation bezeichnet) der Applikation durchgeführt.

Zwei Usability-Consultants prüfen dabei das User Interface systematisch auf die Einhaltung von Normen und Standards mittels ausgewählter Heuristiken.

Die einzelnen gefundenen Problemstellen (sog. Findings) werden in Schweregrade und Kategorien eingeteilt und entsprechend aufbereitet. So ergibt sich automatisch eine priorisierte Roadmap, mit deren Hilfe nun Optimierungen konzipiert, gestaltet und umgesetzt werden können.

Quick Wins

Für eine optimale Lesbarkeit haben sich einige Faustregeln etabliert, die ein umfangreiches Prüfverfahren zwar nicht ersetzen können, die meisten Probleme aber gar nicht erst aufkommen lassen.

  • Schriftgröße für Navigationselemente: mind. 20px
  • Schriftgröße für Fließtext: mind. 16px, besser 18px
  • Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund: 4,5:1
  • Interaktionselemente konsistent gestalten (Farbe und Form)

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